Wie Dänemark und Deutschland die Geschichte des Zweiten Weltkriegs neu erzählen
Wie vermittelt man Themenbereiche zum Zweiten Weltkrieg an neue Generationen auf eine Weise, die sowohl historisch verantwortbar als auch interessant und relevant ist? Diese Frage war der Kernpunkt für das deutsch-dänische Projekt Hope & Despair, in dessen Rahmen sieben Gedenkstätten und Museen, vier Bildungseinrichtungen und drei Tourismusorganisationen von 2023 bis Ende April 2026 in Bezug auf die Entwicklung neuer Vermittlungsformen und die Stärkung des grenzübergreifenden Tourismus eng zusammenarbeiteten. Das Ergebnis ist ein Projekt, das nicht nur konkrete Konzepte hervorgebracht hat, sondern auch neue Kooperationen, neue Erkenntnisse und ein neues Verständnis in Bezug darauf, wie wir die dunkelste Geschichte Europas in einem modernen Kontext erzählen.
Der gemeinsame thematische Ausgangspunkt des Projekts war das Spannungsfeld zwischen Hoffnung und Verzweiflung – Hope & Despair – zwei untrennbare Dimensionen im Storytelling über den Zweiten Weltkrieg. Ziel war es, Bildungs- und Vermittlungskonzepte sowie Tourismusprodukte zu entwickeln, die die Geschichte sowohl jungen Menschen und Erwachsenen als auch internationalen Besuchenden näherbringen können. „Wenn die Geschichte neuen Zielgruppen nähergebracht werden soll, müssen wir es wagen, in völlig neuen Formaten zu denken,” erklärt Projektleiter Sune Gudiksen von der Designskolen Kolding. „Wir können die Geschichte nicht weiterhin auf dieselbe Weise wie vor 20 Jahren erzählen. Die Welt hat sich verändert – und unsere Vermittlung muss dies ebenso.“
Es erforderte eine enge Zusammenarbeit zwischen Mitarbeitenden der Gedenkstätten und Museen, Designern, Schulungskräften und Leuten aus dem Tourismusbereich sowie auch zwischen deutschen und dänischen Organisationen, die jeweils von unterschiedlichen Erinnerungskulturen geprägt sind.
Kulturelle Unterschiede als Herausforderung und Triebkraft
Gerade die kulturellen Unterschiede erwiesen sich schnell als eine der größten Herausforderungen des Projekts. Gry Scavenius Bertelsen vom Frøslevlejrens Museum berichtet, wie kritisch deutsche Kooperationspartner auf die Verwendung von Symbolen wie Hakenkreuze oder auf dramatische Ausdrucksmittel wie Projektorbeleuchtung an einem Wachturm reagieren konnten. „Wir dachten eigentlich, dass wir einander gut kennen“ sagt sie. „Aber plötzlich fanden wir uns in Situationen, wo etwas, das für uns Dänen völlig natürlich erschien, unsere deutschen Kollegen wesentlich stärker traf. Wir fragten uns also: Wie vermitteln wir das hier auf eine Weise, die für alle respektvoll ist?“
Auch Clara Mansfeld von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg erlebte, dass das Projekt die Unterschiede zwischen dem deutschen und dänischen Umgang mit Erinnerungskultur deutlich machte. „Das Schwierige war nicht die Sprache“, sagt sie. „Die eigentliche Herausforderung war, einen gemeinsamen fachlichen Rhythmus zu finden. Historiker, Tourismusleute und Designer denken nun einmal sehr unterschiedlich – und es brauchte Zeit, um die Denkweisen der anderen wirklich zu verstehen. Aber wenn es gelang, entstand etwas ganz Besonderes.“
Neue Formate, die Sichtbarkeit und Zusammenhänge schaffen
Trotz der Komplexität ist es Hope & Despair gelungen, eine Reihe starker, konkreter Ergebnisse zu schaffen, die bereits in Gebrauch sind. Zu den sichtbarsten gehört die Triangle Structures als dezentrales Ausstellungskonzept – eine physische Installation, die Sound, Grafik und Inhalte kombiniert, die die einzelnen Orte miteinander verbindet. Sie kann sowohl draußen als auch drinnen stehen und ist wie ein kleiner Ausstellungspunkt, der gleichzeitig einen Zusammenhang zwischen den Museen herstellt. „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass eine so einfache Form so funktionell sein könnte,“ erzählt Sune Gudiksen. „Aber das Dreieck funktioniert wie eine Art Orientierungspunkt. Es weckt Neugier – und es ermuntert die Leute, zum weiteren Erkunden.“
Graphic Novel, Podcast und digitale Erzählungen
Ein anderer zentraler Punkt ist die Graphic Novel „Ich war hier“, die kurze, persönliche Erzählungen mit modernen, nahezu comicartigen Ausdrucksmitteln kombiniert. Die Graphic Novel wurde in enger Zusammenarbeit zwischen Designschulen und Mitarbeitenden der Gedenkstätten und Museen entwickelt und macht die Geschichte leichter zugänglich, ohne dass die Fachlichkeit darunter leidet.
Die Podcast-Serie, die von Studierenden mehrerer Bildungseinrichtungen produziert wurde, verbindet die Orte in Deutschland und Dänemark digital. „Es war wirklich schön zu sehen, wie die Studierenden Schritt für Schritt Verantwortung übernommen haben,“ sagt Clara Mansfeld. „Sie brachten eine Leichtigkeit und Kreativität mit, von der wir anderen tatsächlich viel mitnehmen konnten.“
Die Tourismusorganisationen haben gleichzeitig Erlebnispakete entwickelt, die Gedenkstätten und Museen in konkreten Tourvorschlägen bündeln. Auch im schulischen Kontext gab es Verbesserungen durch grenzübergreifende Workshops, im Rahmen derer Schülerinnen und Schüler an einem Tag zwei Orte besuchen und mit Tagebüchern, Kollagen und kreativen Übungen arbeiten.
Vermarktung eines schweren und sensiblen Themas
Für die Tourismusakteurinnen und -akteure war das Projekt eine besondere Herausforderung, weil es um die Vermarktung eines historisch schweren und sensiblen Inhalts ging. „Das ist heavy Stuff,” sagt Gorm Casper, Geschäftsführer der Tourismusagentur Flensburger Förde. „Unsere Arbeitsthemen sind normalerweise Strände, Lächeln und Sommer. Hier mussten wir eine Weise finden, Krieg und Leiden zu vermitteln, ohne die Menschen abzuschrecken. Das war eine Gratwanderung.“
Er beschreibt, wie die Auswahl von Bildern, Farben und Symbolik immer wieder getestet und justiert wurde. „Wir mussten uns selbst die ganze Zeit fragen: Ist das hier zu viel? Ist das zu wenig? Treffen wir den Ton? Stacheldraht durften wir zum Beispiel nur in einer stilisierten Form verwenden. Das war ein Kompromiss zwischen den deutschen und dänischen Partnern, der jedoch wichtig war.“
Ein Projekt, das Spuren hinterlassen hat – und weiterlebt
Für viele Teilnehmende war Hope & Despair wesentlich mehr als ein Kooperationsprojekt. Es war eine persönliche und fachliche Reise. „Ich habe einen ganz neuen Blick darauf bekommen, wie wir mit Erinnerungskultur arbeiten – und darauf, wie unterschiedlich wir das auf beiden Seiten der Grenze tun.“ erzählt Clara Mansfeld.
Gry Scavenius Bertelsen erlebte dasselbe – aber es waren besonders die Beziehungen, die einen Eindruck hinterließen. „Das hört sich vielleicht etwas überschwänglich an,“ sagt sie, „aber das Projekt hat uns tatsächlich sehr eng verbunden. Es sind nicht länger nur Kooperationspartner. Es sind Menschen, mit denen ich zukünftig zusammenarbeiten werde. Es ist doch viel leichter, einfach zum Telefon zu greifen, wenn man weiß, wen man anrufen muss.“
Dass das Projekt überhaupt durchgeführt werden konnte, lag an den finanziellen Rahmenbedingungen. Hope & Despair wurde mit ca. 1,2 Millionen Euro von Interreg Deutschland-Danmark und der Europäischen Union gefördert – eine Finanzierung, die das Bündeln eines breit gefächerten Partnerkreises ermöglicht und ein gemeinsam bewirktes grenzübergreifend positives Ergebnis geschaffen hat. Teilnehmende auf dänischer Seite sind Designskolen Kolding, Billund Kommunes Museer, Museum Kolding, Museet Frøslevlejren, Destination Trekantområdet, Foreningen Destination Sønderjylland und University College Syddanmark. Auf deutscher Seite besteht der Partnerkreis aus der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund, der KZ-Gedenkstätte Husum Schwesing, der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, dem Jüdischen Museum in Rendsburg, der Tourismus Agentur Flensburger Förde, der Fachhochschule Kiel sowie der Europa-Universität Flensburg.
Projektleiter Sune Gudiksen hat in Bezug auf die Bedeutung der Interreg-Förderung keinerlei Zweifel: „Durch Interreg konnten grenzübergreifend sieben Gedenkstätten und Museen, vier Bildungseinrichtungen und drei Destinationen in Bezug auf eine gemeinsame Vermittlungs- und Tourismuszielsetzung gebündelt und veranlasst werden, auf dasselbe Ziel hinzuarbeiten.“
Er nennt auch das seiner Ansicht nach größte Ergebnis des Projekts: „Das Wichtigste ist, dass wir nicht nur dagesessen und über Zusammenarbeit geredet haben. Wir haben tatsächlich gemeinsam etwas geschaffen, worüber sich sowohl der Tourismus als auch die Gesellschaft freuen können.“
Die Ergebnisse des Projektes finden sich hier: https://kz-gedenkstaette-husum-schwesing.de/hopeanddespair/
