Am letzten Maiwochenende fand in der Nordsee Akademie in Leck das Wochenendseminar „Föhr, Christiansen und die Frage nach Verantwortung“ statt. Zwölf Teilnehmende aus ganz Deutschland kamen nach Nordfriesland, um sich mit dem Umgang mit NS-Täterschaft und deren Aufarbeitung auf lokaler Ebene auseinanderzusetzen.

Als Oberbefehlshaber der Wehrmacht in den besetzten Niederlanden war Friedrich Christiansen für mehrere Kriegsverbrechen verantwortlich. Eines davon war die Deportation der männlichen Bevölkerung des niederländischen Ortes Putten in deutsche Konzentrationslager. Viele der Deportierten kamen in die nordfriesischen Konzentrationslager Husum-Schwesing und Ladelund, nur wenige überlebten. In seiner Heimatstadt Wyk auf Föhr wurde Christiansen hingegen lange Zeit vor allem als hochdekorierter Fliegergeneral des Ersten Weltkriegs und Pilot des Flugschiffes DO X wahrgenommen. Bis zu seinem Tod galt er als Ehrenbürger der Stadt. Die nach ihm benannte Straße wurde erst nach jahrzehntelangen Debatten in den 1980er Jahren umbenannt, seine Ehrenbürgerwürde erst lange nach seinem Tod symbolisch aberkannt. Heute erinnert auf Föhr nur noch wenig an Christiansen; vereinzelt wird jedoch weiterhin positiv auf die DO X Bezug genommen.

Zu Beginn des Seminars setzten sich die Teilnehmenden intensiv mit der Biografie Christiansens und den Verbrechen von Putten auseinander. Am Samstag führte eine Exkursion mit der Fähre von Dagebüll nach Föhr. Dort vermittelte Stadtführerin Anja Behrendsen bei einem Rundgang unter dem Titel „Darüber reden wir nicht – Wyk nach der Weimarer Republik“ Einblicke in die Geschichte der Stadt während des Nationalsozialismus. Nach einer Mittagspause ging es mit Leihfahrrädern weiter zur Ferring Stiftung in Alkersum. Archivarin Mareike Böhmer stellte dort die vorhandenen Quellenbestände vor. Der anschließende Workshop thematisierte den Umgang der Stadt Wyk mit den Straßen(um)benennungen und erinnerungspolitischen Kontroversen.

Für die Teilnehmenden war es besonders spannend, diese Fragen im Mikrokosmos einer Inselgesellschaft zu diskutieren und nachzuvollziehen, wie über Jahrzehnte hinweg über NS-Täterschaft, Ehrenbürgerwürden und Straßenumbenennungen auf Föhr verhandelt wurde. Gerade die lokalen Aushandlungsprozesse machten deutlich, wie komplex und vielschichtig Erinnerungskultur vor Ort sein kann.

Anschließend konnten die Teilnehmenden das Archivmaterial eigenständig auswerten oder im Rahmen einer Selbsterkundungsaufgabe Spuren der Aufarbeitung beziehungsweise Nichtaufarbeitung von Christiansens Verbrechen auf der Insel fotografisch dokumentieren. Mit der letzten Fähre ging es zurück aufs Festland, wo der Tag bei einem gemeinsamen Restaurantbesuch in Dagebüll ausklang.

Am Sonntag wurden die Ergebnisse der Archivarbeit und der Selbsterkundungen vorgestellt und gemeinsam diskutiert. Das Feedback der Teilnehmenden fiel durchweg positiv aus. Einigkeit bestand darüber, dass der Fall Christiansen weiterhin zahlreiche offene Forschungsfragen bereithält und noch längst nicht vollständig aufgearbeitet ist.

Das Seminar wurde von den Mitarbeitenden der KZ-Gedenkstätten Husum-Schwesing und Ladelund in Kooperation mit der Nordsee Akademie durchgeführt. Wir danken für die Unterstützung durch das Dr. Carl-Häberlin-Friesen-Museum und die Ferring Stiftung sowie die finanzielle Förderung durch den Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing e.V. und dem Verein zur Förderung der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte in Ladelund e.V.