Im Herbst und Winter 1944 wurden entlang der schleswig-holsteinischen und niedersächsischen Nordseeküste mehrere Konzentrationslager eingerichtet. Hintergrund war die Befürchtung eines alliierten Angriffs über die Nordsee. KZ-Häftlinge mussten unter widrigsten Bedingungen Panzerabwehrgräben ausheben – den sogenannten „Friesenwall“. Aufgrund von Kälte, Hunger, Krankheit und Gewalt durch ihre Bewacher kamen dabei in kurzer Zeit viele Menschen ums Leben.
Heute erinnern in Nord- und Ostfriesland mehrere KZ-Gedenkstätten und Lernorte an diese Verbrechen der NS-Zeit. Eine Außenlagertagung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme im Herbst 2023 gab den Anstoß, Gedenkstätten entlang des ehemaligen „Friesenwalls“ stärker zu vernetzen. Ziel ist es, durch engere Zusammenarbeit Synergieeffekte in der Forschung und Vermittlungsarbeit zu erzielen.
Der Auftakt des Netzwerks fand vor einem Jahr in Aurich statt: Mitarbeitende der KZ-Gedenkstätten Ladelund und Husum-Schwesing wurden nach Ostfriesland eingeladen, um dort gemeinsam mit Mitarbeitenden der Gedenkstätte Esterwegen, des Dokumentations- und Informationszentrums Papenburg sowie der KZ-Gedenkstätte Engerhafe Grundlagen der Kooperation zu erarbeiten, Perspektiven für die künftige Zusammenarbeit zu entwickeln und die neuen Ausstellungen und Erinnerungsorte vor Ort kennenzulernen.
Mitte Februar trafen sich nun Haupt- und Ehrenamtliche des Netzwerkes in der Nordsee Akademie in Leck. Dabei ging es einerseits darum, die Orte und Bildungsarbeit in Nordfriesland kennenzulernen, als auch die Inhalte und Ziele des Netzwerkes Gedenkstätten an Orten des ehemaligen „Friesenwalls“ weiter zu formen.
Im Zuge des Treffens kam die Frage nach der zeitgenössischen Verwendung des Begriffs „Friesenwalls“ auf: Während in Nordfriesland hinter der Bezeichnung eine ideologische Aufladung zu Propagandazwecken nahe liegt, kann eine historische Verwendung für Ostfriesland bislang noch nicht nachgewiesen werden. Diese regionalen Unterschiede und ihre Hintergründe sollen nun anhand zeitgenössischer Quellen genauer untersucht werden.
Auch die Frage, wie die ehemaligen Panzerabwehrgräben in der heutigen Bildungsarbeit sichtbar gemacht werden können, wurde intensiv diskutiert. Wo in Ladelund und Aurich mit einer Rekonstruktion und einem Modell des Panzerabwehrgrabens gearbeitet wird, finden sich an den anderen Gedenk- und Lernorten keinerlei Spuren zum Verlauf und Struktur der ehemaligen Panzerabwehrgräben. Damit stellt sich immer wieder die Herausforderung nach einer Sichtbarmachung des heute Unsichtbaren.
Im kommenden Jahr möchte das Netzwerk die gemeinsame Forschung zu den Panzerabwehrgräben vertiefen. Dabei geht es unter anderem um die personellen (Befehls-)Strukturen der beteiligten Einheiten, den geografischen Verlauf der Panzerabwehrgräben und auch um die ideologische Aufladung des Projekts – etwa durch die Verwendung des propagandistischen Begriffs „Friesenwall“ in Nordfriesland.
Wir sind gespannt und freuen uns auf die gemeinsame Zusammenarbeit im Netzwerk!