{"id":168,"date":"2023-11-24T08:51:48","date_gmt":"2023-11-24T07:51:48","guid":{"rendered":"https:\/\/kz-gedenkstaette-husum-schwesing.de\/das-war-hier\/?p=168"},"modified":"2023-11-29T10:14:32","modified_gmt":"2023-11-29T09:14:32","slug":"wer-war-mirjam-cohen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kz-gedenkstaette-husum-schwesing.de\/das-war-hier\/2023\/11\/24\/wer-war-mirjam-cohen\/","title":{"rendered":"Wer war Mirjam Cohen?"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-169 aligncenter\" src=\"https:\/\/kz-gedenkstaette-husum-schwesing.de\/das-war-hier\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2023\/11\/Klassenfoto-Mirjam-Cohen-ca-1934-300x214.png\" alt=\"\" width=\"444\" height=\"317\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-174 aligncenter\" src=\"https:\/\/kz-gedenkstaette-husum-schwesing.de\/das-war-hier\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2023\/11\/Mirjam-nah-300x255.png\" alt=\"\" width=\"331\" height=\"281\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Klassenfoto mit Mirjam Cohen (Pfeil), Sexta der TSS Husum, 1934<\/em><\/p>\n<p>Mirjam Cohen (1923-1943) wird am 23. Mai 1923 als einzige Tochter des Rabbiners Dr. phil. Benjamin Cohen (*11. April 1895) und seiner Ehefrau Bertha Cohen-Malina (*2. M\u00e4rz 1895), in Berlin geboren. Nach k\u00fcrzeren beruflichen Aufenthalten des Vaters in Sch\u00f6nlanke &#8211; dem heutigen Trczianka in Polen &#8211; und Altona l\u00e4sst sich die Familie 1928 in Friedrichstadt nieder, wo Dr. Cohen das Amt des Rabbiners \u00fcbernimmt.<\/p>\n<p><u>Aufwachsen in der &#8222;Stadt der Toleranz&#8220;<\/u><\/p>\n<p>Die Familie wohnt im Haus Westermarktstra\u00dfe 24, gleich neben der Synagoge. In Friedrichstadt existiert bereits seit dem 17. Jahrhundert eine j\u00fcdische Gemeinde, deren Mitglieder T\u00fcr an T\u00fcr mit ihren christlichen Nachbarn leben. Obgleich in Friedrichstadt verschiedene christliche Konfessionen, wie Remonstranten, Mennoniten und Qu\u00e4ker ans\u00e4ssig waren, stellte die j\u00fcdische Gemeinde zeitweilig die zweitgr\u00f6\u00dfte Religionsgemeinschaft der Stadt dar. Zum Zeitpunkt von Mirjams Einschulung in die Volksschule 1929 leben noch einige j\u00fcdische Familien in Friedrichstadt, ein Klima religi\u00f6ser Tolerenz besteht noch immer. Man darf also annehmen, dass Mirjam hier eine unbeschwerte Grundschulzeit verlebt, was angesichts des grassierenden Antisemitismus und der deutschlandweiten Wahlerfolge der NSDAP in der Sp\u00e4tphase der Weimarer Republik \u00fcberrascht. Einige Jahre sp\u00e4ter wird die \u00fcber 250 Jahre alte j\u00fcdische Gemeinde in Friedrichstadt f\u00fcr immer ausgel\u00f6scht.<\/p>\n<p><u>Schulzeit in Husum und Flucht <\/u><\/p>\n<p>Im Jahr von Adolf Hitlers Macht\u00fcbernahme wechselt Mirjam an die weiterf\u00fchrende M\u00e4dchenschule, die Theodor-Storm-Schule in Husum. Sie ist dort die einzige J\u00fcdin und entwickelt sich zu einer guten Sch\u00fclerin. In ihrer Klasse findet sie ein paar gute Freundinnen. Die zunehmende Entrechtung der Juden durch die Nationalsozialisten sind mit Sicherheit ausschlaggebend daf\u00fcr, warum Rabbiner Cohen im Jahr 1935 Reisep\u00e4sse f\u00fcr sich und seine Familie beantragt. 1937 verl\u00e4sst die Familie Friedrichstadt und zieht nach Hamburg, da einerseits die meisten anderen Juden Friedrichstadt bereits verlassen haben und andererseits die Mindestanzahl an Gemeindemitgliedern nicht mehr gegeben ist. Infolge der Novemberpogrome 1938 wird Mirjams Vater in die KZ\u2019s Fuhlsb\u00fcttel und Sachsenhausen verschleppt; nach seiner Freilassung flieht die Familie in die Niederlande und wohnt zuletzt in Amsterdam.<\/p>\n<p><u>Verhaftung, Deportation und Tod<\/u><\/p>\n<p>Nach der Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht geraten Mirjam, Bertha und Benjamin Cohen, so wie etwa sechs Millionen europ\u00e4ische Juden, ins Fadenkreuz des nationalsozialistischen Vernichtungswahns. 1943 wird die Familie ins &#8222;Polizeiliche Judendurchgangslager&#8220; im niederl\u00e4ndischen Westerbork verschleppt und von dort ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Bereits wenige Tage nach ihrer Ankunft werden Mirjam und ihre Mutter Bertha am 19. November 1943 vergast. Ihr Vater Benjamin wird dort am 31. M\u00e4rz 1944 ermordet.<\/p>\n<p><u>Erinnerung<\/u><\/p>\n<p>Lange Zeit ger\u00e4t die Lebensgeschichte von Mirjam Cohen in Vergessenheit. In Zeitzeugenberichten aus dem Jahr 2001 beschreiben ehemalige Freundinnen und Freunde sie als hilfsbereites, intelligentes und h\u00fcbsches M\u00e4dchen mit dunklen, krausen Haaren, die sie mal zu geflochtenen Z\u00f6pfen, mal offen trug. In der Folgezeit werden Stolpersteine in Gedenken an Mirjam Cohen vor ihrem Wohnhaus in Friedrichstadt sowie vor dem ehemaligen Schulgeb\u00e4ude der Theodor-Storm-Schule Husum verlegt. 2010 inszeniert die Theatergruppe Spielraum der Theodor-Storm-Schule das Theaterst\u00fcck &#8222;Mirjam Cohen &#8211; dem Vergessen entrei\u00dfen, der Gegenwart zur\u00fcckgeben&#8220;, das \u00fcberregionale Resonanz erf\u00e4hrt. Eine Stele in Form eines Schattenrisses von Mirjam, dargestellt durch die Hauptdarstellerin des Theaterst\u00fccks, ziert seitdem den Pausenhof des aktuellen Schulgeb\u00e4udes. Auch der Stolperstein befindet sich ab 2016 im Schulgeb\u00e4ude in der Ludwig-Nissen-Stra\u00dfe, da das ehemalige Schulgeb\u00e4ude abgerissen werden musste. Im November 2023 werden schlie\u00dflich der alte Stolperstein sowie eine Kopie desselben am historischen und aktuellen Schulstandorten verlegt. F\u00fcr beide Standorte erarbeiten die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler des Wirtschaft-Politik-Profils des 12. Jahrgangs der Theodor-Storm-Schule zwei Gedenkstelen in Kooperation mit der Stadt Husum. (Verfasser: Nils Hobe)<\/p>\n<p><u>Quellen und Literatur: <\/u><\/p>\n<p>&#8211; Akte zur Familie Cohen, Stadtarchiv Friedrichstadt<\/p>\n<p>&#8211; Bernd Philipsen: \u201e\u2026ein selbst\u00e4ndiger Denker, erfahren in Talmud und Halacha. Dr. Benjamin Cohen, Bezirksrabbiner von Friedrichstadt\/Flensburg\u201c, in: Gerhard Paul, Miriam Gillis-Carlebach (Hgg.): Menora und Hakenkreuz. Zur Geschichte der Juden in und aus Schleswig-Holstein, L\u00fcbeck und Altona (1918-1998). Neum\u00fcnster 1998, S. 107-119.<\/p>\n<p>&#8211; Mitteilungsblatt der Gesellschaft f\u00fcr Friedrichst\u00e4dter Stadtgeschichte, Nr. 62 (2001), S. 77-104.<\/p>\n<p>&#8211; Fiete Pingel, Thomas Steensen (Hgg.): J\u00fcdisches Leben und Verfolgung in den Frieslanden. Bredstedt 2001.<\/p>\n<p>&#8211; Bettina G\u00f6rken: &#8222;Mirjam Cohen und Carl Cohn: Judenverfolgung im Nationalsozialismus&#8220;, in: Schauplatz Husum. Ein Geschichtsalbum in Lebensbildern 1450-1950. Hg. v. Matthias Bauer. Husum 2019, S. 113-116.<\/p>\n<p><u>Foto: <\/u><\/p>\n<p>Klassenfoto mit Mirjam Cohen (roter Pfeil), Sexta der Theodor-Storm-Schule Husum, 1934, Stadtarchiv Friedrichstadt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klassenfoto mit Mirjam Cohen (Pfeil), Sexta der TSS Husum, 1934 Mirjam Cohen (1923-1943) wird am 23. Mai 1923 als einzige Tochter des Rabbiners Dr. phil. Benjamin Cohen (*11. April 1895) und seiner Ehefrau Bertha Cohen-Malina (*2. 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